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KZ-Breitenau 1933-1934
 

Klosterkirche Breitenau Nachdem die Nationalsozialisten in Januar 1933 an die Macht kamen, setzte sehr bald im ganzen Deutschen Reich eine riesige Verhaftungswelle ein. Innerhalb von wenigen Monaten wurden Zehntausende von politischen Gegnern (Sozialdemokraten, Kommunisten und Gewerkschafter) festgenommen und in Gefängnisse und provisorische Haftstätten eingesperrt, gefoltert und misshandelt. Die Verhaftungen erfolgten ohne Gerichtsverfahren und ohne richterlichen Beschluss, allein auf der Grundlage der sogenannten "Schutzhaft".
Ab dem Frühjahr 1933 wurde damit begonnen, die ersten offiziellen "Konzentrationslager für politische Schutzhäftlinge" einzurichten. Zum einen reichten die Gefängnisse für die vielen Verhafteten nicht mehr aus, zum anderen sollten die provisorischen Haftstätten (die sogenannten "Schutzhaftlager") aufgelöst und durch staatlich kontrollierte Konzentrationslager ersetzt werden. Insgesamt wurden etwa 70 solcher, wie man heute sagt, "frühen Konzentrationslager" im gesamten Reichsgebiet eingerichtet. In Hessen existierten zwei dieser Lager: das eine befand sich in Osthofen bei Worms und war ein Lager für politische Gegner aus dem Bereich Süd- und Mittelhessen, das andere war das KZ Breitenau für Gefangene aus dem Regierungsbezirk Kassel, der damals bis nach Hanau reichte.
Kurt Finkenstein Das Konzentrationslager Breitenau wurde am 15. Juni 1933 eingerichtet. Die Unterkünfte des Konzentrationslagers befanden sich zunächst im Mittelschiff der ehemaligen Klosterkirche. Unmittelbar hinter der Orgelwand der Gemeindekirche wurden die Gefangenen in großen Schlafsälen auf Strohlagern und Holzbetten untergebracht. Gleichzeitig gab es in diesem Teil des Kirchengebäudes Unterkunftsräume für die Wachmannschaft, die zuerst aus SA- und später aus SS-Männern bestand. Als das Mittelschiff der Kirche für die Gefangenen nicht mehr ausreichte, wurde das "Landarmenhaus" hinzugenommen und als Block II bezeichnet. In Breitenau waren in der Zeit von Juni 1933 bis März 1934 nachweislich 470 politische Gefangene inhaftiert. Sie kamen aus 139 hessischen Gemeinden, zum Teil in "Sammeltransporten".
Ähnlich wie die anderen frühen KZs war auch Breitenau kein Vernichtungslager, sondern ein Lager, in dem politische Gegner gedemütigt, gequält und eingeschüchtert wurden. Durch hartes Arbeiten, Essens-entzug, Schikanen und Misshandlungen sollten die Gefangenen dahin gebracht werden, sich nach der Entlassung aus dem Lager bedingungslos unterzuordnen. Ihnen sollte jegliche Kraft und jeglicher Mut genommen werden, sich weiterhin gegen das Nazi-Regime aufzulehnen.
SS-Ehrenmal am Fuldaberg In einem Zeitungsartikel der im Juni 1933 über die Einrichtung des Konzentrationslagers Breitenau erschienen ist, wird dies ganz unverhohlen geäußert:
"Selbstverständlich sollen die Konzentrationslager keine Dauereinrichtung sein. Sie haben lediglich den Zweck, die unsauberen Elemente unschädlich zu machen und sie gegebenenfalls, das muss angestrebt werden, zu Staatsbürgern zu machen, die sich in die neue Form der Volksgemeinschaft willig einreihen" (Kasseler Post vom 23. Juni 1933, "Eine Stunde unter Schutzhäftlingen. Besuch im Konzentrationslager Breitenau.").
Solche Artikel über die ersten Konzentrationslager waren übrigens keine Besonderheit - es gab sie über Breitenau, Osthofen, Dachau und andere frühe KZs. Die Verfolgung der politischen Gegner und die Einrichtung der ersten Konzentrationslager wurde also nicht verheimlicht - wie man häufig glaubt oder auch zuhören bekommt -, sondern öffentlich bekannt gemacht.
Todesmitteilung Ludwig Pappenheim Die meisten Gefangenen wurden nach einigen Wochen wieder entlassen; für einige aber war Breitenau die erste Station eines langen Leidensweges. Willi Belz schreibt, dass sein Vater, Konrad Belz nach der Entlassung an den Folgen der schweren Misshandlungen gestorben ist. Zahlreiche Gefangene wurden von Breitenau in andere Konzentrationslager verschleppt. Allein in der Zeit von Oktober bis Ende November 1933 wurden 95 Gefangene in die Konzentrationslager Börgermoor, Esterwegen, Sonnenburg und Lichtenburg, abtransportiert. Unter ihnen befand sich auch Ludwig Pappenheim, der stellvertretende Landrat aus Schmalkalden. Am 4. Januar 1934 teilte die Kommandantur der staatlichen Konzentrationslager Papenburg mit, dass der "Schutzhäftling" Ludwig Pappenheim "bei einem Fluchtversuch aus dem Lager Börgermoor erschossen worden" ist.
Das Konzentrationslager Breitenau wurde im März 1934 aufgelöst, und auch andere frühe KZs wurden nach und nach geschlossen. Bald darauf wurde jedoch mit dem Aufbau eines neuen, größeren und noch schrecklicheren Konzentrationslagersystems unter der Leitung der SS begonnen.


 

(aus: Richter, Die Gedenkstätte Breitenau in Guxhagen bei Kassel, S.4-7.)


weiterführende Literatur: