Historischer Ort  

Geschichte der
Gedenkstätte

Die Gedenkstätte Breitenau feierte im September 2019 ihr 35-jähriges Bestehen. Ihre Gründung in den 1980er Jahren steht für einen tiefgreifenden erinnerungskulturellen Wandel in der Bundesrepublik. Nachdem die nationalsozialistischen Verbrechen jahrzehntelang beschwiegen worden waren, begeben sich seit Ende der 1970er Jahre immer mehr Menschen auf historische Spurensuche. Sie fragen nach der NS-Geschichte in ihrer Nachbarschaft, entdecken Tatorte und „vergessene“ Verfolgtengruppen wieder: „Grabe, wo du stehst“ (Sven Lindqvist) wird für die Geschichtsbewegten zum Leitspruch.  

In dieser Zeit des Erinnerungswandels fördert die Stadt Kassel ein Forschungsprojekt zu Kassel im Nationalsozialismus. Das Projekt ist an der noch jungen Gesamthochschule angesiedelt und wird von dem Professor für Erziehungswissenschaften Dietfrid Krause-Vilmar und dem Professor für Politikwissenschaft Jörg Kammler geleitet. Durch Gespräche mit ehemaligen politisch Verfolgten bekommen die beiden den Hinweis, dass sich im Keller des ehemaligen Verwaltungsgebäudes von Breitenau große Aktenbestände der Landesarbeitsanstalt erhalten haben. Als Dietfrid Krause-Vilmar vor Ort die Akten sichtet, ist er sich sofort ihrer Bedeutung bewusst: Die erhaltenen Aufnahmebücher, Verwaltungsakten sowie tausende Akten der Gestapo belegen, dass in Breitenau zwischen 1933 und 1945 zwei Zwangslager bestanden: ein frühes Konzentrationslager und ein Arbeitserziehungslager. Die „Projektgruppe Breitenau“ deckt nach und nach immer weitere Details auf und gestaltet eine Wanderausstellung, die 1982 erstmals in der historischen Zehntscheune des ehemaligen Klostergeländes Breitenau gezeigt wird.  

Mit Unterstützung des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen und der Gesamthochschule Kassel kann die Arbeit der Projektgruppe verstetigt werden und sie zieht 1984 dauerhaft als Gedenkstätte Breitenau in die Zehntscheune ein. Damit wird sie zur festen Ansprechpartnerin ehemaliger Gefangener des Konzentrationslagers und Arbeitserziehungslagers. In den 2000er Jahren unterstützt sie dabei viele ehemalige ausländische Zwangsarbeiter/innen bei der Beantragung von Entschädigungsleistungen, die für diese Menschen erst mit der Gründung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“ im Jahr 2000 möglich wird. Ein Meilenstein in der Gedenkstättengeschichte ist das Jahr 2012. Im Rahmen der documenta 13 entwickeln Künstlerinnen und Künstler Positionen zu Breitenau, die teils am historischen Ort gezeigt werden. Unter den Künstler/innen ist auch der langjährige Gedenkstättenleiter Dr. Gunnar Richter, der seine Examensarbeit aus den 1970er Jahren, eine Ton-Dia-Reihe über das Endphaseverbrechen nähe der Anstalt, auf der documenta nochmals präsentiert.