Biografien  

Lilli Jahn

geboren 05.03.1900 Köln
gestorben 17./19..06.1944 Auschwitz

Beruf Ärztin
Wohnort bei Verhaftung Kassel
Haftzeitraum 1943-1944

Biografie

Lilli Jahn wächst in Köln auf. Ihre Eltern sind der Kaufmann Josef Schlüchterer und seine Frau Paula. Zwischen 1906 und 1913 besucht Lilli Jahn das „Privat-Lyceum für höhere Töchter“ und das Real-Gymnasium der Kaiserin-Augusta-Schule in Köln. Lilli macht 1919 ihr Abitur und beginnt im Anschluss Medizin zu studieren. 1924 wird sie promoviert und arbeitet in den folgenden zwei Jahren als Ärztin, u.a. im „Israelitischen Asyl für Kranke und Altersschwache“ in Köln. Am 12. August 1926 heiratet sie den Arzt Ernst Jahn (1900-1960), der Protestant ist, und eröffnet mit ihm eine Gemeinschaftspraxis im nordhessischen Immenhausen. Lilli und Ernst Jahn haben fünf gemeinsame Kinder.

Seit der nationalsozialistischen Machtübernahme wird die Familie Jahn aufgrund von Lillis jüdischer Herkunft zunehmend ausgegrenzt. Lilli überlegt gemeinsam mit ihrer Schwester Elsa, die bereits 1933 nach England emigriert ist, ebenfalls auszuwandern. Da Ernst Jahn seine Praxis jedoch nicht aufgeben möchte, bleibt die Familie in Immenhausen. Im Sommer 1939 stellt Ernst Jahn die Ärztin Dr. Rita Schmidt in seiner Praxis ein. Aus der anfänglichen Arbeitsbeziehung wird ein Liebesverhältnis. Rita Schmidt bringt im Mai 1942 das gemeinsame Kind zur Welt. Wenige Monate später lässt sich Ernst von Lilli scheiden. Lilli verliert damit jeden Schutz vor Verfolgung. Aus Immenhausen wird sie bald vertrieben und zieht im Juli 1943 mit ihren fünf Kindern nach Kassel in die Motzstraße 3. Hier steckt sie ihre Visitenkarte als provisorisches Namenschild an die Türklingel. Da auf der Visitenkarte der ihr als Jüdin offiziell aberkannte Doktortitel genannt wird und der vorgeschriebene Namenszusatz „Sara“ fehlt, nimmt die Gestapo Lilli Jahn fest. Am 3. September 1943 wird sie ins AEL Breitenau gebracht. Während der Haftzeit in Breitenau entsteht zwischen Lilli und ihren Kindern ein eindrücklicher Briefwechsel, der in weiten Teilen erhalten geblieben ist. Nach siebenmonatiger Haft in Breitenau, während der sie Zwangsarbeit leisten muss, wird Lilli Jahn im März 1944 in einem Sammeltransport nach Auschwitz deportiert. Sie kommt hier am 17. oder 19. Juni 1944 ums Leben.

Gerhard Jahn, Justizminister unter Willy Brandt, war der Sohn von Lilli und Ernst Jahn. Wenngleich er zwei Bäume zu Ehren seiner Mutter in Yad Vashem pflanzen ließ, thematisierte er das Schicksal seiner Mutter nie öffentlich. Breiter bekannt wurde der Lebens- und Verfolgungsweg von Lilli Jahn erst mit Erscheinen des Buches „Mein verwundetes Herz – Das Leben der Lilli Jahn“. Martin Doerry, der Enkel von Lilli Jahn hat darin die Briefwechel seiner Großmutter, darunter auch viele Briefe, die sie während ihrer Haft in Breitenau schrieb, veröffentlicht. Das Buch ist mittlerweile in 20 Sprachen übersetzt worden.

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