Biografien  

Richard Altschul

geboren 13.04.1873 Wien (Österreich)
gestorben 30.10.1943

Beruf Kaufmann
Wohnort bei Verhaftung Kassel-Oberzwehren
Haftzeitraum 1942-1943

Biografie

Als Sohn jüdischer Eltern wird Richard Altschul am 13. April 1873 in Wien geboren. Nach abgeschlossener Ausbildung zieht er nach Deutschland und konvertiert zum Christentum. Er arbeitet ab seinem 29. Lebensjahr als Diakon der christlich-evangelischen Kirche im Alters- und Siechenhaus und ist ein wichtiges Mitglied des Brüderhauses Treysa.

Seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten übt seine Gemeinde zunehmend Druck auf ihn aus und man erteilt ihm 1939 den „unabweisbaren Rat“, seinen Austritt aus dem Brüderhaus bekannt zu geben. Dies wird in den Unterlagen mit der Notiz „nicht arisch“ begründet. Am 30. November 1942 wird Richard Altschul verhaftet und wenige Tage später nach Breitenau gebracht. Als Haftgrund ist angegeben, dass er keine jüdische Kennkarte bei sich trägt und dass er als Jude „den Deutschen Gruß ‚Heil Hitler‘ erweist“. Außerdem wird er beschuldigt, Kontakt zu „Deutschblütigen“ zu haben. Er befindet sich bis zum 16. September 1943 in Breitenau, von wo aus er ins Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz deportiert und hier am 30. Oktober 1943 ermordet wird.

Richard Altschuls Schicksal ist bildgebend für das vieler nicht-arischer Christen im Dritten Reich. Er lebte und arbeitete als Christ in einer kirchlichen Institution, die der Nächstenliebe und Pflege verpflichtet war. Er verstand sich selbst nicht als Jude. Sein Selbstverständnis verhinderte nicht, dass er aufgrund seiner Herkunft von seinem Beruf ausgeschlossen und später verfolgt und ermordet wurde. Dieses Schicksal teilt Richard Altschul mit vielen Deutschen jüdischer Herkunft, die teilweise sogar die Ideologie der Nationalsozialisten tolerierten. Da er sich vom Judentum abwandte, verlor er sowohl den Kontakt zu seiner Familie als auch zur jüdischen Glaubensgemeinschaft. Durch die nationalsozialistische Verfolgung nun auch noch seine neue Familie, die Christenheit, zu verlieren, war für ihn schmerzhaft. Die Idee hinter der Verfolgung von konvertierten Christen war in der NS-Rassenideologie begründet: Der „Volkskörper“ oder die „Volksgemeinschaft“ sollte reingehalten werden. Wer nicht „arisch“ war, wurde verfolgt. Die Religionszugehörigkeit spielte keine Rolle und stellte somit auch keinen Schutz vor Verfolgung dar. Dabei stimmten die Ordnungsprinzipien der Nationalsozialisten selten mit dem Selbstbild der Verfolgten überein.

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